Neun Muster, die dich steuern. Ohne dich zu fragen.
Manche müssen halt immer recht haben. Andere können einfach nicht Nein sagen. Und wieder andere sind weg, sobald es eng wird, im Streit genauso wie im Bett. Das Enneagramm sagt dazu: Das ist kein Zufall, das sind neun Grundmuster, eins davon läuft in dir, und eins in deiner Partnerin oder deinem Partner. Hier bekommst du erst mal den Überblick. Welches Muster bei dir läuft, schauen wir uns am besten zusammen an, denn allein legt man sich da erstaunlich gern daneben. Ich spreche aus Erfahrung.
Was ist das Enneagramm? Und was bringt mir das?
Ennea ist griechisch und heißt neun, Gramm heißt Zeichnung, und das Enneagramm ist also wörtlich eine Neun-Zeichnung: ein Kreis mit neun Punkten, und jeder Punkt steht für ein Persönlichkeitsmuster. Das klingt jetzt mal nach Mathe, ist aber Psychologie, und zwar eine ziemlich alte.
Wie alt? Älter als jede Paartherapie und jeder Persönlichkeitstest mit vier Buchstaben. Die Spur führt über Platon und die Sufis zurück bis zu den christlichen Wüstenvätern, das waren Mönche, die sich freiwillig in die Wüste gesetzt haben, um endlich ihre Ruhe zu haben, und dann festgestellt haben, dass sie sich selbst mitgenommen haben. Die haben ziemlich genau aufgeschrieben, womit sie sich da draußen herumgeschlagen haben: Zorn, Stolz, Neid und so weiter (die Liste kommt dir weiter unten noch bekannt vor). Im 20. Jahrhundert ist daraus in Südamerika und den USA das Enneagramm geworden, wie wir es heute kennen, und irgendwann ist es in Europa angekommen. Gute Nachricht also: Du musst nicht in die Wüste. Ein Sofa und ein ehrlicher Partner reichen völlig.
Der Trick an der Sache: Das Enneagramm interessiert sich für das Warum, viel mehr als für das, was einer gerade tut. Nach einem Streit räumen beide die Küche auf, er, weil er endlich wieder Frieden haben will, und sie, weil sie es nicht aushält, wenn etwas herumliegt (und weil sie damit nebenbei auch noch recht behält). Von außen sieht das völlig gleich aus. Das Enneagramm schaut dahinter.
Jedes dieser neun Muster ist in der Kindheit entstanden, als Schutz, und damals hat es auch wirklich funktioniert. Heute läuft es automatisch, wie ein Autopilot, den nie jemand bewusst eingeschaltet hat und der in eurer Beziehung die ganze Zeit mitfliegt, meistens ohne zu fragen.
Und weil es hier um Beziehung geht: Diese Muster bleiben nicht brav vor der Schlafzimmertür stehen. Wer am Küchentisch alles kontrolliert, kontrolliert meistens auch im Bett, und wer beim Abendessen nie sagt, was er will, sagt es nachts halt auch nicht. Deshalb findest du bei jedem Typ auch, wie er liebt, wie er streitet und wie er Sex hat. Ehrlich, und ohne Schlüsselloch.
Wer die Landkarte der Beziehungsevolution schon kennt (die Stufen der Bewusstseinsentwicklung, über die ich auf dieser Seite sonst rede), der hat hier sozusagen die zweite Landkarte dazu. Die Stufen zeigen, wo ihr als Paar gerade steht. Das Enneagramm zeigt, wer da steht.
Zwei Dinge sag ich gleich vorweg. Erstens: Kein Typ ist besser als ein anderer, jeder hat seine Stärken und jeder hat seine Falle. Zweitens: Du bist nie bloß ein Typ, aber einer ist dein Grundprogramm, und wenn du das kennst, verändert sich ziemlich viel. Vor allem, wie du mit der Partnerin oder dem Partner umgehst, der neben dir auf dem Sofa sitzt.
Die neun Typen im Detail. Für meine Klienten.
Ab hier geht es ans Eingemachte: die neun Typen einzeln, wie jeder liebt, streitet und Sex hat, wohin er unter Stress rutscht und was ihm guttut, dazu die Grafik zum Durchklicken und der Test. Das ist genau der Teil, den ich mit meinen Klienten gemeinsam durchgehe.
Warum nicht einfach für alle? Weil man sich allein erstaunlich gern ins falsche Fach sortiert und das dann auch noch tapfer verteidigt. Mir ist es genauso gegangen, ich hab mich ein paar Mal danebengelegt, bis klar war, dass ich eine Eins bin. Wenn du mit mir arbeitest, bekommst du das Passwort von mir. Und wenn du es schon hast: Willkommen, schön, dass du da bist.
Noch kein Passwort? Lass uns reden →
Jeder Typ nimmt die Welt durch ein Zentrum wahr. Und übersieht ein anderes.
Bauch, Herz, Kopf. Jedes Zentrum hat ein Grundgefühl, das es nicht loswird, und eine Ebene, die es ausblendet. Genau dort liegt die Lernaufgabe, und genau dort kracht es übrigens auch in den meisten Beziehungen, wenn ein Kopf-Typ und ein Bauch-Typ versuchen, dasselbe Problem zu lösen.
Bauch
Instinkt, Kontrolle, Wut
Diese Typen reagieren aus dem Bauch, bevor der Kopf überhaupt dran ist. Das Thema ist Kontrolle, also wer bestimmt, wo die Grenze liegt, und darunter liegt Wut. Die 8 zeigt sie offen, die 1 hält sie zurück, und die 9 hat sie sozusagen vergessen.
Lernaufgabe: die Wut wahrnehmen, ohne sie wegzudrücken und ohne sie loszulassen. Und das Gefühl darunter, und das ist meistens Ohnmacht.
Im Bett: Der Körper ist das Revier der Bauch-Typen, da sind sie zu Hause. Die spannende Frage ist bloß, wer führt, und ob einer von beiden die Führung auch mal abgeben kann.
Herz
Beziehung, Bild, Scham
Diese Typen leben über Beziehung und über das Bild, das andere von ihnen haben, und die Frage dahinter lautet: Wie siehst du mich? Alle drei tauschen etwas gegen Liebe, die 2 gibt Fürsorge, die 3 liefert Erfolg, die 4 bietet Tiefe. Darunter liegt Scham über einen Mangel, den bloß keiner sehen soll.
Lernaufgabe: fühlen, ohne sich darin zu verlieren. Und das Bild loslassen.
Im Bett: Herz-Typen achten oft mehr darauf, wie sie wirken, als darauf, was sie spüren. Wenn sie mal nicht gut sein müssen, wird es meistens erst richtig schön.
Kopf
Denken, Sicherheit, Angst
Diese Typen suchen Sicherheit im Denken, der Kopf soll sie schützen, vor dem Chaos und auch vor zu viel Nähe, und darunter liegt Angst. Die 5 zieht sich zurück, die 6 zweifelt, die 7 rennt nach vorn.
Lernaufgabe: aus dem Kopf in den Körper. Unsicherheit aushalten, statt sie wegzudenken.
Im Bett: Der Kopf ist leider auch dabei, und der denkt halt weiter, an morgen, an vorhin, an die Frage, ob das jetzt gut ist. Alles, was ihn kurz leiser macht, ist hier Gold wert.
Was es kann. Und was nicht.
Das Enneagramm ist eine Landkarte, keine Schublade. Es zeigt, was unter dem Verhalten liegt, und der ehrlichste Umgang damit ist der, jedes Muster zuerst in dir selbst zu suchen. Bei deiner Partnerin oder deinem Partner kannst du es später immer noch suchen.
Was es kann
- Stärken und Schwächen klar sehen
- Die eigene Wachstumsaufgabe erkennen
- Schnell in die Tiefe kommen, bei dir und beim Gegenüber
- Verstehen, warum ihr euch immer wieder über dasselbe streitet
- Das, was dich am anderen nervt, als Bedürfnis lesen statt als Angriff
- Im Bett leichter sagen, was du willst, weil du weißt, was dich bisher davon abgehalten hat
- Alte Muster erkennen und loslassen
Was schiefgeht
- Schubladendenken: „Du bist halt eine Acht.“
- Vorurteile bestätigen statt hinterfragen
- Den anderen auf einen Typ festnageln und ihm damit jede Entwicklung absprechen
- Den Typ als Ausrede nehmen: Ich bin halt eine Acht, da musst du durch.
- Der Partnerin ihren Typ um die Ohren hauen
- Das Muster des anderen gegen ihn nutzen
Das Muster ist ein Schutz. Du bist mehr.
Jedes der neun Muster ist in der Kindheit entstanden, als Antwort auf etwas, das gefehlt hat, und damals hat es auch geholfen. Heute läuft es automatisch und entscheidet mit, bevor du es überhaupt merkst. Dahinter liegt etwas, das gar kein Muster braucht, und jeder Typ hat seinen eigenen Weg dorthin.
Wird ein Bedürfnis nicht erfüllt, kommt Wut, Angst oder Schmerz, und darauf gibt es drei Reflexe: festhalten, kämpfen, wegschauen. Alle drei machen das Muster bloß stärker.
Was das Muster füttert
Mehr von dem, was früher immer funktioniert hat. Die 1 wird noch strenger, die 7 noch schneller, die 9 noch stiller, und jedes Mal bestätigt sich die alte Geschichte über dich und die anderen. In einer Beziehung passiert das sogar doppelt, denn dein Muster stößt das deines Partners an, und seins wieder deins, ein Kreis, der sich nicht von selbst öffnet.
Was es löst
Die Anspannung bemerken. Das Gefühl darunter zulassen, ohne gleich zu handeln. Ehrlich bleiben, gern auch mit Humor. Und dann die Frage: Wovor will mich dieses Muster eigentlich schützen?