Ich sag es gleich, damit ihr wisst, was meine Glaubenssätze waren. Mit dem Thema männliche Führung in der Beziehung habe ich wirklich ein Problem gehabt. Das hat für mich immer so nach der Generation meiner Großeltern gerochen, nach „der Mann bestimmt, wo es langgeht“, und ich hab mir gedacht, eine moderne Beziehung braucht so etwas nicht. Sie braucht Kooperation, oder sogar Co-Creation. Ein Paar auf Augenhöhe, das alles miteinander aushandelt und kommuniziert.
Ich denke das übrigens immer noch so.
Und trotzdem hab ich in den letzten Wochen etwas herausgefunden, das mir nicht recht passt, und das hängt damit zusammen, dass am Ende der letzten drei Beiträge dieser eine Satz gestanden ist: den Mut haben, wieder ein Pol zu werden. Wenn man den nämlich wirklich ernst nehmen will und nicht bloß als schöne Schlusszeile stehen lässt, dann landet man irgendwann bei einer Frage, die unbequem ist. Zwei Pole, das heißt halt auch, dass einer zieht und einer sich ziehen lässt, dass einer führt und einer sich hingibt, zumindest in diesem einen Moment (und ja, das geht genauso andersrum, dazu komm ich noch).
Steile These, ich weiß. Und jetzt kommt der Teil, der mich selber überrascht hat.
Führung ist nämlich nicht gleich Führung. Es gibt da zwei Arten, und die schauen von außen so ähnlich aus, dass man sie leicht verwechselt: ein Mann, der sagt, wo es langgeht, und eine Frau, die mitgeht. Innerlich ist es aber das genaue Gegenteil (das Muster kennt ihr aus dieser Kolumne bereits, es ist immer dasselbe). Die eine Art nenne ich jetzt mal Herrschen, die andere Führen.
Und bevor jetzt alle ans Schlafzimmer denken: Ja, da auch, da zeigt es sich am deutlichsten. Aber genauso am Küchentisch. Wer plant den Urlaub, und lässt sich der andere dann wirklich überraschen oder plant er innerlich mit? Wer sagt am Samstag „lass mich heute machen“, und kann der andere das dann auch, ohne reinzureden und nachzubessern? Führung und Hingabe passieren bei uns den ganzen Tag, meistens ohne dass wir es merken.
Jetzt könnte man sagen, gut, der Unterschied liegt in der Absicht, und ich hab das lange auch so gesehen. Herrsche ich, weil ich mich groß machen will, weil ich die Kontrolle brauche, weil ich eine eigene Unsicherheit damit ausgleiche, oder führe ich, weil ich etwas will und meine Partnerin es auch will? Das stimmt schon so. Nur hilft es einem fast nichts, und zwar aus einem einfachen Grund: Frag mal einen, der seine Partnerin kontrolliert, aus welcher Absicht heraus er das macht. Der sagt dir, für uns. Der sagt, weil sie das braucht. Der, der herrscht, ist immer der, der auch am festesten an seine eigene gute Absicht glaubt, und genau das macht die Absicht als Kriterium so unbrauchbar. Sie sitzt im Kopf, und im Kopf lügt es sich halt am leichtesten.
Also brauchen wir etwas, das man von außen sehen kann. Und das sind für mich drei Dinge.
Das erste ist die Quelle. Führe ich aus einem Mangel heraus oder aus der Fülle? Brauche ich etwas von ihr, ihre Bestätigung, das Gefühl, jemand zu sein, oder will ich etwas und kann es mir gleichzeitig leisten, dass ich ein Nein bekomme? Und damit das nicht falsch verstanden wird: Das heißt nicht selbstlos. Wer selbstlos führt, ist ein Dienstleister, und da zieht dann wieder gar nichts. Wer führt, der will, und der zeigt auch, dass er will. Der Unterschied ist nur, ob er es aushält, wenn er es nicht kriegt.
Das zweite ist das Nein, und das ist eigentlich das Wichtigste von allem. Was passiert, wenn sie Stopp sagt? Der, der herrscht, kennt kein Stopp, der verhandelt dann, der schmollt, der straft mit Schweigen oder wartet einfach so lange, bis der Widerstand müde geworden ist. Der, der führt, hört in der Sekunde auf, in der sie es beendet, ohne Groll und ohne dass da irgendeine Rechnung offen bleibt. Das ist die ganze Grenze, und die liegt eben nicht in seiner Absicht, sondern in der Situation, und dort kann man sie sehen.
Das dritte ist der Wechsel. Kann der, der führt, sich auch führen lassen? Wer die andere Seite nicht kennt, der spielt nicht, der kann gar nicht spielen. Hingabe ist keine Einbahnstraße. Und Hingabe einfordern kann nur der, der sie auch geben kann. Das ist übrigens keine Anklage. Viele Männer tun sich mit Hingabe einfach schwer, weil sie es nie gelernt haben und weil ihnen nie einer gezeigt hat, dass das keine Schwäche ist, und deswegen sind sie noch lange nicht am Herrschen. Es heißt bloß, dass die eigene Hingabe zum Führen mit dazugehört, als Übung sozusagen.
Und jetzt kommt der Gedanke, der mir die ganze Sache umgedreht hat.
Ich hab Führung immer mit Macht verwechselt, deshalb der Geschmack nach Patriarchat. Aber schaut euch das Spiel noch einmal genau an. Sie hat das Stopp. Sie entscheidet, ob das Spiel überhaupt stattfindet, und sie entscheidet auch, wann es endet. Er führt also nur so lange, wie sie es ihm erlaubt. Wer sich hingibt, hat den Finger am Schalter!
Hingabe ist die souveränste Form von Macht, kein Verzicht auf Macht.
Versteht mich bitte nicht falsch: Das Spiel lebt davon, dass die beiden vorher gemeinsam den Rahmen gesteckt haben, also was sie wollen, was sie nicht wollen, und dass ein Stopp immer und sofort gilt. Auf dieser oberen Ebene sind beide völlig gleich, und erst darunter, im Spiel selber, darf es ein Gefälle geben. Nur weil die obere Ebene gleich ist, ist die untere sicher. Wer meinen Vortrag zur Landkarte der Beziehungsevolution gesehen hat, kennt die Stufen der Bewusstseinsentwicklung schon, für alle anderen ganz kurz. Führung hat es auf jeder Stufe gegeben, nur halt jedes Mal anders. In Rot ist Führung Macht, Dominanz und Gewalt gewesen, der Stärkere hat bestimmt. In Blau ist sie ein Recht geworden, der Mann führt, weil das so vorgesehen ist, von Gott, von der Kirche, von der Tradition. In Orange ist sie zur Kompetenz geworden, es führt, wer mehr leistet und mehr verdient. Und dann sind wir in Grün angekommen und haben sie abgeschafft, weil sie nach all dem gerochen hat und weil uns die Gleichheit wichtiger gewesen ist als jedes Gefälle. Das ist auch richtig so gewesen. Nur ist mit der Führung halt die Polarität gleich mit verloren gegangen. Und jetzt, eine Stufe weiter in Gelb, können wir sie zum ersten Mal spielen, weil beide wissen, dass es ein Spiel ist. Das ist kein Rückschritt nach Blau oder Rot, das ist der Schritt darüber hinaus.
Moderne Frauen brauchen keine Führung. Der Satz stimmt so, nur ist „brauchen“ halt das falsche Wort. Niemand braucht dieses Spiel. Manche wollen es, und zwar beide, und das ist etwas völlig anderes.