Was macht eigentlich eine Entwicklung aus? Ich hab mir das lange so vorgestellt wie die meisten, als Treppe. Eine Stufe nach der anderen, und wenn man oben ist, ist man oben. Heute glaube ich, dass das falsch ist. Entwicklung läuft nicht auf einer Treppe. Sie läuft im Kreis. Und ob dieser Kreis sich irgendwann öffnet oder ob wir ewig dieselbe Runde drehen, das entscheidet sich an einer Stelle, die fast niemand ernst nimmt.

Schauen wir uns den Kreis mal an.

Ihr kennt ihn wahrscheinlich schon, und zwar aus eurer Firma. Ihr habt ein neues Angebot oder ein neues Format, und am Anfang seid ihr zufrieden, der Plan ist gut, alles läuft. Dann kommt der erste Testlauf, und irgendwas hakt, aber ihr zieht es durch, wird schon. Dann geht die Premiere schief, die Leute sind unzufrieden, und ihr sitzt da und denkt, alles Mist. Dann redet ihr mit Kollegen, euch wird klar, was das Ding wirklich braucht, ihr baut eine neue Version, und die läuft. Besser als die erste. Das ist der Kreis. Einmal rum, und ihr seid eine Ebene weiter als vorher.

Das Modell dahinter stammt von Don Beck und Christopher Cowan, den beiden, die Spiral Dynamics entwickelt haben, und es beschreibt, wie sich lebendige Systeme verändern, egal ob ein Mensch, eine Firma oder eine Beziehung. Die vier Phasen heißen Alpha, Beta, Gamma und Delta. Und am besten versteht man sie an einem Paar (was sonst), und deshalb nehm ich jetzt mal eins zum Beispiel.

Alpha, das Gleichgewicht. Sie sind seit drei Jahren zusammen, die gemeinsame Wohnung steht, die Abende sind warm, und beide haben das Gefühl, es gecheckt zu haben. Genau so muss Leben sein. Man richtet sich ein. Und genau da liegt der Haken, denn wer sich eingerichtet hat, hört auf zu fragen. Jedes Gleichgewicht trägt den Samen des nächsten Problems bereits in sich. Immer.

Beta, das Grummeln. Sie gründet eine Firma. Die Abende werden kürzer, die Gespräche drehen sich um Kunden und Rechnungen, und beim Essen am Freitag ist die Stimmung irgendwie komisch. Beide merken es. Keiner sagt was. Sie schieben es halt auf den Stress, er sagt sich, das legt sich wieder, und beide wollen eigentlich nur das Gleichgewicht von vorher zurück. Also tun sie das, was früher immer funktioniert hat, bloß mehr davon. Noch ein gemeinsames Wochenende, noch ein nettes Gespräch, in dem sie um das Eigentliche herumreden, noch ein Abendessen beim Italiener, bei dem sie damals so gelacht haben. Diese Phase kann Tage dauern oder Jahre. Bei den meisten Paaren sind es Jahre.

In der indischen Mythologie gibt es für die Kraft, die in dieser Phase am Werk ist, einen Namen: Vishnu, der Erhalter. Die Kraft, die alles so lassen will, wie es ist. Ordnung, Routine, Gewohnheit. Sie ist nichts Schlechtes, sie hält uns am Leben. Aber im Grummeln wird aus Erhalten ein Festhalten, und das ist der Moment, in dem es gefährlich wird.

Gamma, die Krise. Die übersehenen Signale holen einen ein, alle auf einmal. Irgendwann sitzt er abends da und fragt sich, ob er das alles so noch will. Das Chaos ist da. Die zweite Kraft aus der Mythologie hat übernommen, Shiva, der Zerstörer, der alles beschleunigt und einreißt, was instabil wird. Und da ist sie, die Gabelung! Es gibt nur zwei Wege. Entweder das System geht den einfacheren Weg zurück, und das ist Resignation, innerer Rückzug oder eventuell sogar eine Trennung, oder es dehnt sich und kommt auf einer neuen Ebene an. Beides ist möglich. Und ein Satz dazu, der mir wichtig ist: Auch der Schritt zurück kann gesund sein.

Delta, der Aufbruch. Die beiden reden, diesmal wirklich. Fahren ein Wochenende weg. Machen sich Rituale aus, ein fester Abend die Woche, Handy aus. Jetzt übernimmt die dritte Kraft aus der Mythologie, Brahma, der Schöpfer, der Neues aufbaut. Und sie merken, dass sie sich neu kennenlernen müssen, weil beide in der neuen Situation ein Stück weit neue Menschen geworden sind. Erst das Neue im anderen kennenlernen, dann neu lieben lernen. Und beide sind sich sicher: Wir sind über den Berg, wir haben verstanden, was schiefgelaufen ist.

So weit kennt das jeder. Jetzt kommt der Teil, den fast niemand kennt.

Im Modell heißt diese Phase der Pseudoaufschwung. Die Rituale halten drei Monate. Dann sitzen sie wieder da, dieselbe komische Stimmung, nur jetzt mit der Erkenntnis, dass das Problem tiefer liegt als ein fehlender Abend die Woche. Das zweite Tal. Warum? Weil der Aufbruch zu früh gekommen ist. Brahma hat schon gebaut, als Shiva noch nicht fertig war. Sie hatten die Oberfläche repariert, bevor das Alte darunter wirklich sterben durfte. Und sie hatten etwas übersehen. Genau genommen war da längst ein Drittes in ihrer Beziehung angekommen: die Firma, die neue Version von ihr, die neue Version von ihm. Eine neue Energie, die ins Spiel gekommen ist, und die keiner von beiden beleuchtet hat (über dieses Dritte schreibe ich beim nächsten Mal, das ist ein eigenes Thema).

Und mit diesem zweiten Tal kommt die Arbeit in der Tiefe. Im ersten Aufbruch war die Erkenntnis da, wir haben verstanden, was schiefgelaufen ist. Jetzt kommt das Verständnis, dass es mit der Erkenntnis allein nicht getan ist. Dass man ein Problem erkennen kann und trotzdem jeden Abend wieder in dasselbe Muster fällt, weil Erkennen im Kopf passiert und das Muster im Alltag sitzt. Jetzt kommt die Arbeit.

Neues Alpha. Die Firma gibt es immer noch. Die Beziehung hat eine andere Form. Anders als vorher und eine Ebene weiter. Nicht besser, denn keine Ebene ist besser als die andere. Und so entstehen übrigens auch die Stufen der Bewusstseinsentwicklung, über die ich hier öfter schreibe. Als Kreise, die sich öffnen, und nicht als Treppe. Bis der nächste Kreis beginnt, denn der kommt bestimmt.

Grafik: der Kreis des Wandels von Euphorie über Grummeln, Krise, Scheinhoch und Boden bis zur neuen Stufe

Und jetzt der Gedanke, der mir die Sache umgedreht hat. Das Problem am Wort Kreis ist das Wort Kreis. Einen Kreis gibt es nur im Raum. Sobald man die Zeit dazunimmt, ist jeder Kreis eine Spirale, entweder nach oben oder nach unten. Die Runde, nach der ein Paar genau da landet, wo es vorher gewesen ist, nur mit anderen Inhalten, ist keine Entwicklung, das ist eine Schleife. In der Systemtheorie nennt man so etwas einen Grenzzyklus. Und die Runde, nach der es eine Ebene weiter ankommt, ist dieselbe Runde, mit einem Unterschied.

Der Kreis öffnet sich nämlich nicht von selbst. Aber du musst auch nicht jedes Mal durch das tiefe Tal. Wenn du weißt, dass jedes Gleichgewicht irgendwann wieder gehen muss, dann weißt du schon beim nächsten ersten Grummeln, dass es jetzt wieder Zeit ist zu kooperieren, statt es auszusitzen. Das heißt ganz konkret: Wenn es beim Essen komisch ist, sag es an dem Abend. Lass freiwillig etwas sterben, eine Vereinbarung, die nicht mehr passt, eine Rolle, die du nur noch spielst, ein Schweigen, das ihr euch angewöhnt habt. Ein kleiner Shiva, bevor der große kommt. Das ist unbequem, weil du damit genau das Gleichgewicht anfasst, das du eigentlich behalten willst. Aber es ist der einzige Moment im ganzen Kreis, in dem das Steuern noch billig ist.

Ich kenne den Aufbruch übrigens gut, dieses Gefühl, über den Berg zu sein. Und ich weiß, wie trügerisch es gewesen ist.

Am Ende bleibt eine einzige Frage, und ich lasse sie euch hier einfach so stehen: Wie kann ich mit dem Wandel kooperieren?