Im letzten Beitrag habe ich gefragt, ob eure Beziehung noch lebt oder nur noch läuft. Jetzt die andere Seite. Was bringt sie zurück ins Leben? Die Antwort ist unbequem, weil sie das Gegenteil von dem ist, was die meisten tun. Wir rücken näher ran, wenn es kriselt. Reden mehr, klären mehr, sind mehr zusammen. Und die Lust? Kommt trotzdem nicht wieder.

Steile These? Ja! Aber sieh dir diese eine Szene an.

Du bist auf einem Fest. Deine Partnerin steht am anderen Ende des Raums, mitten in einem Gespräch, lacht, ganz in ihrem Element. Für einen Moment siehst du sie nicht als die, mit der du morgens den Kühlschrank teilst, sondern als eigenen Menschen, den du gar nicht ganz kennst. Und genau da, über die Distanz des Raums hinweg, spürst du wieder dieses Ziehen.

Esther Perel nennt das den Kern des Begehrens. Wir wollen den anderen am stärksten, wenn wir ihn getrennt von uns sehen. Als eigenes Gegenüber, das ein Leben hat, in dem wir nicht vorkommen. Der Partner, der in seiner Arbeit aufgeht, der etwas kann, das mit uns nichts zu tun hat, wird wieder anziehend. Weil er in dem Moment nicht „meiner" ist. Er gehört sich selbst.

Darin liegt eine Spannung, die ihr nicht wieder auflösen könnt. Wir wollen vom selben Menschen zwei Dinge, die sich widersprechen. Geborgenheit und Aufregung. Heimat und Reise. Sicherheit und Abenteuer. Wir wollen einen sicheren Hafen, in den wir immer zurückkönnen, und wir wollen das offene Meer. Ein Boot braucht beides. Nur Anker, und es rostet im Hafen fest. Nur Segel, und es ist heimatlos. Die Kunst ist nicht, sich für eins zu entscheiden. Die Kunst ist, beide wachzuhalten. Das ist genau der Zustand, an dem ich gescheitert bin. Erst nachdem wir das, was uns ausmachte, eingerissen haben, bis nur noch reine Anziehung übrig war, konnten wir neu darauf aufbauen.

Konkret heißt das: Distanz nicht als Bedrohung sehen, sondern sie pflegen. Ihr dürft und sollt ein eigenes Leben haben. Eigene Freunde, eigene Abende ohne einander. Jedes Mal, wenn ihr aus eurer eigenen Welt zueinander zurückkommt, kommt jemand zurück, den es zu entdecken gibt.

Die meisten Paare machen es umgekehrt. Sie füllen jede Lücke, teilen jeden Gedanken, machen alles zusammen, in bester Absicht. Und löschen damit genau den Abstand, aus dem die Anziehung kam. Glaub mir, ich hab das genau so gelebt.

Der Weg zurück zur Lust führt also nicht näher heran. Er führt einen Schritt zurück. Weit genug, um den anderen wieder ganz zu sehen.

Sieh deinen Partner diese Woche einmal an, als würdest du ihn nicht kennen. Vielleicht willst du ihn dann wieder kennenlernen.

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