Ein Versprechen entsteht in dem Moment, in dem echte innere Motivation fehlt. Wenn du jemandem wirklich zuhören willst, musst du nicht versprechen, dass du zuhörst. Du hörst zu. Das Versprechen taucht genau dann auf, wenn das Wollen nicht ausreicht und die Verbindlichkeit die innere Lücke schließen soll. Steile These, ist mir klar!

Das funktioniert nicht, denn Obligation ist kein Ersatz für Motivation. Beide sehen von außen ähnlich aus. Innerlich ist es das Gegenteil.

Aber da ist noch etwas, das mich an Versprechen beschäftigt. Ein Versprechen braucht, um überhaupt eingehalten werden zu können, einen klaren Blick in die Zukunft. Ich verspreche dir, dass ich dich immer liebe. Dass ich in einem Jahr noch derselbe oder ein anderer bin. Dass diese Situation sich so entwickelt, dass alles gut wird. Die Zukunft kennt keiner von uns wirklich. Keiner kann wissen, welche Bedingungen im Außen und Innen bis dahin auf ihn warten. Versprechen sind also strukturell zum Scheitern verurteilt, allein wegen der schieren Unmöglichkeit, heute für morgen zu garantieren.

Das trägt das Wort übrigens schon selbst in sich. Ich habe mich ver-sprochen. Das „Ver“ im Deutschen ist kein neutrales Präfix. Verirren. Verwirren. Verlieren. Verfahren. Es zeigt an, dass eine Bewegung in die falsche Richtung stattgefunden hat, dass etwas aus dem Lot geraten ist. Wer sich verspricht, hat sich im Sprechen verirrt. Die Sprache ist da sehr genau.

Und jetzt der eigentliche Gedanke dahinter. Versprechen sollen Vertrauen aufbauen. Das ist ihr Zweck. Ich sage dir heute zu, was ich morgen tue, so kannst du dich sicher fühlen. Damit du weißt, woran du bist.

Aber Vertrauen funktioniert anders. Vertrauen entsteht durch Handlungen in der Gegenwart und durch das, was bereits geschehen ist. Durch das, was ich gestern getan habe. Was ich heute tue. Wie ich mich verhalte, wenn es schwierig wird. Wie ich mich früher einmal in ähnlichen Situationen verhalten habe. Ob meine Handlungen mit dem übereinstimmen, was ich sage. Und auch, das ist ganz wichtig, dass ich gezeigt habe, meine Fehler einzugestehen und mein Verhalten demnach zu ändern. Das ist die einzige Grundlage, auf der echtes Vertrauen wachsen kann.

Rückwärts, nicht vorwärts.

Jetzt kommt der Gedanke, der mich am meisten beschäftigt. Wenn ich ein Versprechen gebe und sich die äußeren Bedingungen verändern, Bedingungen, auf die ich keinen Einfluss habe, dann verletze ich Vertrauen. Obwohl ich nichts falsch gemacht habe. Obwohl ich es wirklich anders gewollt hätte. Obwohl sich die Welt einfach anders entwickelt hat als erwartet. Den einzigen Einfluss, den ich in diesem Moment wirklich hatte, war der Moment davor. Die Entscheidung, ob ich das Versprechen überhaupt gebe.

Das ist der blinde Fleck. Wir behandeln das Einhalten als die eigentliche Verantwortung.

Dabei liegt die Verantwortung viel früher. Im Geben.

Wenn das stimmt, dann braucht es keine Versprechen mehr. Das Vertrauen ist schon da. Oder es fehlt. Und wenn es fehlt, hilft kein Versprechen, das aufzubauen.

Dann hilft nur eines: anders handeln, und zwar jetzt, heute und morgen wieder.

Ein Versprechen, das du nicht nötig hast, ist das ehrlichste Zeichen dafür, dass ihr auf dem richtigen Weg seid.