Es gibt eine Annahme, die klingt vernünftig und ist trotzdem falsch. Wer fremdgeht, dem fehlt zu Hause etwas. Nähe, (der richtige) Sex, Verständnis, das Gefühl von Lebendigkeit. Dann kommt jemand Drittes und füllt das Loch. So einfach ist es nicht. Esther Perel hat über Jahre mit Paaren nach Affären gearbeitet, und sie sagt: Auch die, die ihren Partner lieben und glücklich sind, gehen fremd.
Steile These. Mal wieder. Und eine, die wehtut. Aber bleib dran, es führt wohin.
In den letzten beiden Beiträgen ging es um Distanz. Dass Begehren zwei Pole braucht und einen Abstand, über den es überhaupt ziehen kann. Und dass viele Paare genau diesen Abstand wegräumen, bis nichts mehr zieht. Jetzt denken wir das zu Ende. Was passiert mit einem, der jahrelang in einer Beziehung lebt, in der die Spannung erloschen ist? In der er kein Pol mehr ist, nur noch die Hälfte eines lauwarmen Ganzen?
Er trifft jemanden. Und plötzlich ist alles wieder da. Der Abstand. Die Fremdheit. Das Herzklopfen vor einer Nachricht. Er fühlt sich lebendig, begehrt, gesehen. Und er hält das für Liebe zu diesem neuen Menschen. Dabei ist es viel öfter etwas anderes. Er hat sich selbst wiedergefunden. Die Affäre ist selten die Suche nach einem anderen Partner. Viel öfter ist sie die Suche nach einem anderen Ich.
Denn eine Affäre ist maximale Polarität. Größtmöglicher Abstand, größtmögliche Fremdheit, größtmögliches Risiko. Genau der Stoff, aus dem die Spannung entsteht, die zu Hause verschwunden ist. Man könnte sagen, die Affäre ist der Schwarzmarkt des Begehrens. Da kauft sich einer die Ladung zurück, die er sich in der eigenen Beziehung nicht mehr erlaubt. Heimlich und teuer und irgendwann fliegt es auf. Immer. Aber die Ware ist echt. Das ist das Bittere daran.
Und jetzt der wichtige Teil, damit ihr mich hier nicht falsch versteht. Das ist keine Entschuldigung. Der Verrat, die Lüge ist real. Der Schmerz, den eine betrogene Partnerin trägt, ist echt, tief, traumatisch, und kein „aber die Spannung fehlte doch" macht ihn kleiner. Ich rede hier nicht davon, Affären gutzuheißen. Ich rede davon, sie zu verstehen. Weil man sonst den falschen Schluss zieht.
Die Affäre stellt nämlich eine Frage, auch wenn sie dabei ein Leben zertrümmert. Sie fragt: Wo ist unsere Spannung hin? Und die ehrliche Antwort findest du nicht in einem dritten Menschen. Du findest sie da, wo die Spannung verloren ging. Zu Hause.
Manche Paare ziehen daraus einen radikalen Schluss und öffnen ihre Beziehung. Sie holen die Fremdheit bewusst und ehrlich herein, statt sie heimlich zu stehlen. Perel sagt dazu einen klaren Satz. Monogamie ist eine Wahl, kein Naturgesetz. Für die einen ist das ein Weg. Für die anderen nicht. Der Punkt ist nicht die Form der Beziehung, sondern die Ehrlichkeit der Beziehung.
Denn am Ende läuft alles auf eine unbequeme Verantwortung hinaus. Niemand muss ein Leben sprengen, um sich wieder lebendig zu fühlen. Die Spannung, die du in der Fremde suchst, kannst du auch daheim wieder entzünden. Indem du den Mut hast, wieder ein Pol zu werden. Eigen und nicht ganz durchschaubar. Und deinem Partner erlaubst, dasselbe zu sein.
Das ist die schwerere Reise.