Ich sag es gleich am Anfang, damit klar ist, wohin das geht. Die gefährlichste Beziehung ist nicht die, in der es kracht. Es ist die, in der es läuft.
Steile These? Dann pass auf.
Zwei teilen sich die Aufgaben fair auf. Der Kalender ist synchron. Es wird kaum gestritten, es wird nicht geweint und es wird kaum noch berührt. Von außen das Vorzeigepaar. Und doch sitzen innen fast zwei Fremde, die halt höflich liebevoll zueinander sind. Es funktioniert halt. Und genau das ist das Problem. Eine Beziehung, die halt noch funktioniert.
Hören wir wieder auf das Wort, das wir dafür benutzen. „Bei uns läuft es." „Unsere Beziehung funktioniert." Funktionieren kommt vom Ausführen einer Funktion, und eine Funktion tun Maschinen. Wenn du sagst, deine Beziehung funktioniert, hast du sie längst zur Maschine erklärt. Und eine Maschine läuft, liebt aber nicht.
Eine gut geölte Maschine macht keinen Ärger. Sie brennt nicht, sie friert nicht. Sie ist lau. Und daran gehen dann die Beziehungen kaputt. In der Bibel steht dazu ein brutaler Satz. Weil du lau bist, weder kalt noch heiß, werde ich dich ausspeien. Härter kann man kaum beschreiben, was in einer Beziehung passiert, in der seit Monaten nichts mehr wehtut und nichts mehr brennt.
Du kennst diese Abende vielleicht. Das Essen ist gut, die Serie läuft, ihr redet über den Tag. Freundlich, warm (genug). Dann gute Nacht, jeder auf seine Seite. Nichts daran ist schlimm. Und trotzdem weißt du, das war mal anders, da war mal Feuer. Und du spürst genau, dass es weg ist.
Das Perfide daran: Es gibt keinen Grund zu gehen. Nichts ist falsch. Keiner hat betrogen (noch), keiner schreit. „Uns geht es doch gut", sagst du, und mit diesem einen Satz nagelst du den Sargdeckel zu. Denn eine Beziehung, die läuft, kannst du nicht verlassen. Es fehlt der Grund. Also bleibst du. Und wirst langsam leiser.
Esther Perel, die viel über das Begehren in langen Beziehungen schreibt, bringt es auf einen bitteren Punkt. Die Liebe will den Abstand verkleinern. Das Begehren lebt von Abstand. Das, was uns Sicherheit gibt, das Vertraute, das reibungslos Laufende, ist oft genau das, was das Feuer ausgehen lässt. Wir kuscheln wortwörtlich unsere Leidenschaft zu Tode.
Und wir tun es selbst. Wir optimieren die Beziehung wie unseren Kalender. Machen sie effizient und konfliktfrei. Dabei lebt sie vom Gegenteil. Vom ziellosen Reden nachts um zwei. Vom Begehren, das zu nichts nütze ist. Von der Reibung, wenn der andere anders will als wir. Der Philosoph Christian Zippel hat dafür ein treffendes Bild. Eine Beziehung läuft sich in einen Grenzzyklus ein, eine feste Schleife, in der sich alles ewig gleich wiederholt. Genau die Maschine von vorhin. Und aus so einer Schleife kommst du nur, wenn du bereit bist, ein Stück Ordnung mutwillig einzureißen. Durch ein gewisses Maß an Selbstzerstörungsbewusstsein. Zippel nennt das Trust Chaos, dem Chaos vertrauen. Der Durchbruch kommt oft erst durch den Zusammenbruch. Wer das alles wegräumt, damit der Laden rundläuft, kehrt das Feuer gleich mit raus.
Also frag dich ehrlich, bevor du weitermachst wie immer.
Läuft eure Beziehung gerade nur noch? Oder brennt sie, ist noch Raum für Leben (Chaos)?